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Der Familien-Mittagstisch

Ein einfaches Beispiel, und übrigens der erste Versuch die Ablehnung als Entscheidungskriterium heranzuziehen: Die Geschichte vom Familien-Mittagstisch ist eine wahre Begebenheit. Die Darstellung des Beispiels wurde an die neuesten Erkenntnisse angepasst, welche das Verfahren erheblich vereinfachen.

Es geht um das gemeinsame Mittagessen einer vierköpfigen Familie: Vater, Mutter, 10-jährige Tochter, 8-jähriger Sohn. Jedes Familienmitglied hat einen Vorschlag gemacht:

  • Vater mag:
  • Linsen mit Speck
  • Mutter mag:
  • Gemüse-Laibchen
  • Tochter mag:
  • Fitnessteller
  • Sohn mag:
  • Spaghetti Carbonara

Eine demokratische Abstimmung, bei der jeder für seinen Vorschlag stimmt, ergibt notgedrungen ein Patt. Wenn die Eltern sich auf eine gemeinsame Speise einigen, protestieren die Kinder. Eine Stimmabgabe der Eltern zu Gunsten von einem der beiden Kinder würde zu einer tiefen Kränkung des anderen führen. Eine ausweglose Situation, wenn man auf Frieden in der Familie Wert legt!

Dem SK-Prinzip entsprechend gilt es, den Widerstand gegen sämtliche Alternativen zu bewerten. Jedes Familienmitglied teilt daher jeder vorgeschlagenen Speise zwischen 0 und 10 Widerstandsstimmen (W-Stimmen) zu.

  • 0 W-Stimmen bedeuten keinen Einwand gegen diese Speise.
  • 10 W-Stimmen bedeuten: "Das mag ich gar nicht!"

Die W-Stimmen können nach freiem Ermessen zugeordnet werden, ohne einer weiteren Einschränkung zu unterliegen.

In der Familie haben wir eine beinahe unüberschaubare Geschmacksverteilung von Vorlieben und Abneigungen:

  • Vater möchte Linsen mit Speck, mag den Fitnessteller nicht allzu gerne, Spaghetti sind in Ordnung und Gemüse-Laibchen findet er recht delikat.
  • Mutter wünscht sich Gemüse-Laibchen. Sie achtet auf ihre Figur, wäre mit dem Fitnessteller einigermaßen einverstanden. Linsen mit Speck und Spaghetti lehnt sie ab.
  • Die Tochter will den Fitnessteller, lehnt Gemüse-Laibchen total ab, Figur-Gründe sprechen auch gegen Spaghetti. Linsen liebt sie nicht sehr.
  • Der Sohn liebt Spaghetti, mag keine Gemüse-Laibchen, Der Fitnessteller ist akzeptabel. Linsen mag er weniger.

Zum Glück muss die Familie nicht durch Diskutieren aus diesem Gewirr herausfinden. Das wäre wohl ein endloses Unterfangen! Beim Konsensieren braucht jeder nur auf sich selbst und seine eigenen Interessen zu achten. Also konsensieren die Eltern ihren Vorlieben gemäß. Doch jedes der Kinder möchte vor allem sich und seinen Wunsch gegen alle anderen durchsetzen. Sie lehnen daher alles außer dem eigenen Essensvorschlag maximal ab. Es entsteht folgendes Ergebnis, das wir hier in Tabellenform darstellen:

      Vater Mutter Tochter Sohn W-Stimmen
    Linsen mit Speck 0 8 10 10 28
    Gemüse-Laibchen 0 0 10 10 20
    Fitnessteller 7 4 0 10 21
    Spaghetti 4 8 10 0 22

Die Gemüse-Laibchen werden mit nur 20 W-Stimmen von allen gemeinsam am wenigsten abgelehnt und sind daher konsensiert. Nach kurzer Pause der Überraschung beginnt das Protestgeheul der Kinder. "Gemüse-Laibchen mag ich überhaupt nicht!!" sind sich beide Kinder einig. Keiner ihrer Wünsche ist zum Zug gekommen.

Aber warum?
Alle anderen Vorschläge außer dem eigenen undifferenziert mit jeweils 10 W-Stimmen abzulehnen bedeutet, keine weiteren Entscheidungsgrundlagen zu liefern und die Entscheidung damit den anderen zu überlassen. Im Beispiel hatten die Eltern keinen Einwand gegen die Gemüselaibchen - wodurch letztere am wenigsten abgelehnt worden sind.

Die Kinder bekommen das erklärt, verstehen sofort und wollen nochmals konsensieren. Und diesmal werden sie ihre W-Stimmen den Speisen zuweisen, die sie wirklich nicht mögen, die ihnen wirklich "weh tun". Sie haben verstanden, dass man beim Konsensieren seinen eigenen sachlichen Interessen gemäß stimmen muss.

Der neuerliche Konsensierungsversuch zeigt die unverfälschten Abneigungen aller Beteiligten.

      Vater Mutter Tochter Sohn W-Stimmen
    Linsen mit Speck 0 8 6 7 21
    Gemüse-Laibchen 0 0 10 10 20
    Fitnessteller 7 4 0 4 15
    Spaghetti 4 8 5 0 17

Das Ergebnis ist von den Kindern widerspruchslos und ohne Kränkung anerkannt worden. Sie haben auf Grund ihrer Erfahrungen beim ersten Versuch verstanden, dass es jetzt nicht mehr das Resultat von persönlicher Rivalität oder Geltungsbedürfnis ist, sondern ein sachlicher Spiegel der geschmacklichen Vorlieben jedes Einzelnen. Nicht mehr und nicht weniger. Der konsensierte Fitnessteller war für alle akzeptabel und ist in bester Laune und mit gutem Appetit verspeist worden. Der Familienfrieden, der früher unrettbar verloren schien, ist erhalten geblieben oder vielleicht sogar gestärkt worden.

 
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